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Guten Rutsch: Bedeutung und Herkunft des Neujahrswunsches

Die Bedeutung von „Guten Rutsch“: Man wünscht jemandem, gut ins neue Jahr zu kommen – einen glücklichen Übergang vom alten ins neue Jahr. „Rutsch“ stand im 19. Jahrhundert umgangssprachlich auch für eine kurze Reise, „glücklichen Rutsch“ hieß „gute Fahrt“. Die beliebte Herleitung aus dem hebräischen „Rosch“ (Anfang) halten Fachleute für Jiddisch für unwahrscheinlich.

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Hölzerner Schlitten auf einem verschneiten Hang in der blauen Stunde, im Hintergrund warm erleuchtete Fenster eines Dorfes
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Der Gruß ist vertraut, das Wort darin kaum noch: Wer heute „rutscht“, gleitet meist aus. Gemeint ist beim Neujahrswunsch etwas anderes – was genau, haben Sprachforscher in Wörterbüchern, Briefen und alten Mundartsammlungen nachgeprüft. Hier finden Sie ihre Ergebnisse, die Herkunftsthesen im Vergleich und alle Quellen zum Nachlesen.

Guten Rutsch: Bedeutung im heutigen Deutsch

Der Duden verzeichnet „guten Rutsch [ins neue Jahr]!“ als umgangssprachliche Wunschformel zum Jahreswechsel (Duden). Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) erklärt den Ausdruck als „Glückwunsch vor Silvester“ (DWDS). Sinngemäß heißt er also: Kommen Sie gut ins neue Jahr.

Aufschlussreicher ist eine zweite Bedeutung, die beide Wörterbücher nennen: „Rutsch“ als kleiner Ausflug, kurze Fahrt, Spritztour. Der Duden kennzeichnet sie als umgangssprachlich und veraltet und gibt das Beispiel „auf einen Rutsch an die Küste fahren“. Auch das Verb kann so gebraucht werden – „wir sind zum Wochenende an die Ostsee gerutscht“, heißt es im DWDS unter „rutschen“. Diese fast vergessene Reise-Bedeutung ist der Schlüssel zur wahrscheinlichsten Erklärung.

Stapel alter, in Leder gebundener Bücher ohne Beschriftung neben einer Lupe und einer brennenden Kerze auf einem Holztisch
Die Herkunft der Redewendung lässt sich nur über Wörterbücher und frühe Belege klären KI-generiert

Herkunft: Woher die Redewendung kommt

These 1: „Rutsch“ heißt Reise

Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm führt „Rutsch“ in seinem 1893 erschienenen achten Band „in derber übertragung für reise“ und nennt als Beispiel den Wunsch „glücklichen rutsch“ (DWB: rutsch). Unter „Rutsche“ steht, das Wort werde „humoristisch für reise, fahrt“ gebraucht (DWB: Rutsche). Ein Neujahrsgruß kommt in beiden Artikeln nicht vor. Als Beleg für „rutschen“ im Sinn einer Ausfahrt zitiert das Wörterbuch Goethe (DWB: rutschen):

Samstag ist's, worauf wir zielen,
Sonntag rutscht man auf das Land;

Johann Wolfgang von Goethe, Die Lustigen von Weimar, Gedichte (Ausgabe letzter Hand, 1827), Berliner Ausgabe Bd. 1, S. 105 – Zeno.org

Auch als Scherzwunsch für Reisende war die Formel bekannt: Hermann Frischbier verzeichnete 1865 in seiner Sammlung preußischer Sprichwörter „Glöckliche Rutsch ön e Paar Parêsken op e Weg“, sinngemäß eine glückliche Fahrt in einem Paar Bastschuhe (Gutknecht, Jüdische Allgemeine). Der Umgangssprachforscher Heinz Küpper setzt die Bedeutung „Reise“ schon für die Zeit um 1800 an (GfdS).

Wie wurde aus der Reise ein Jahreswechsel? Der Linguist Anatol Stefanowitsch verweist darauf, dass das Deutsche zeitliche Übergänge gern räumlich beschreibt: Man „kommt gut ins neue Jahr“. Eine Formel, die eigentlich „gute Reise“ bedeutet, lässt sich deshalb mühelos auf den Kalender übertragen (Sprachlog). Der Redensartenforscher Lutz Röhrich sah darin die Vorstellung eines „langsamen, fast unmerklichen Hinübergleitens“ (Großes Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, 1992, zitiert nach der GfdS).

These 2: hebräisch „rosch“ über Jiddisch und Rotwelsch

Die zweite Erklärung führt zum jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana, das auf den 1. und 2. Tischri fällt, also in den September oder Oktober (Jüdische Allgemeine). „Rosch“ bedeutet Kopf, Erstes, Anfang (DWDS, Pfeifer). Siegmund A. Wolf schrieb 1956 in seinem Wörterbuch des Rotwelschen, der alten deutschen Gaunersprache, das „sonst sinnlose“ „guten Rutsch“ sei ein entstelltes Rosch ha-Schana (Gutknecht). Das fremde Wort wäre demnach an das vertraute „Rutsch“ angeglichen und als „fröhliches Hinübergleiten“ verstanden worden (Pfeifer). Der Duden-Band „Redewendungen“ mutmaßt, „rosch“ sei missverstanden und volkstümlich umgedeutet worden (nach der GfdS). Mehr über das jüdische Neujahr und andere Kalender finden Sie bei den Neujahrsfesten weltweit.

Die These fand Anhänger: Andreas Nachama (1994), Alfred Klepschs Westjiddisches Wörterbuch (2004) und weitere Nachschlagewerke übernahmen sie (Gutknecht). Für sie spricht, dass „Rosch“ für „Kopf“ schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts im Rotwelschen verbreitet war, wie Hansjörg Roth 2002 in den „Jiddistik-Mitteilungen“ darlegte. Die Belegbasis ist allerdings dünn: Wolf nannte als Quelle eine mündliche Auskunft aus Berlin von 1956, seine Angaben zu „Rosch ha schono“ stammen aus einem Buch von 1840, das er selbst als stark antisemitisch einstufte (beides nach Wikipedia). Der Duden hält einen Einfluss von rotwelsch „rosch“ (Anfang, Beginn) im Sinne von „guter Anfang“ für möglich, nennt aber die Reise-Bedeutung zuerst. Wolfgang Pfeifers Etymologisches Wörterbuch bezeichnet die Herkunft als „ungewiß“: Der Anschluss an „Rutsch“ als Reise sei „durchaus möglich“, die Herleitung aus „rosch“ „erwägenswert“ (DWDS, Pfeifer).

Was gegen die Rosch-These spricht

  • Der Laut passt nicht: Das in Deutschland gesprochene Westjiddisch nannte das Fest „Rausch haschono“, nicht „Rosch“; Gutknecht belegt das mit einem Zitat aus Werner Weinbergs Lexikon zum religiösen Wortschatz der deutschen Juden (Gutknecht). Der Jiddist Walter Röll hielt den Abstand zwischen „rausch“ und „Rutsch“ für „ziemlich groß“ (2002, nach Wikipedia).
  • Einen solchen Gruß gibt es nicht: Zum jüdischen Neujahr wünscht man „Schana towa“, ein gutes Jahr, oder jiddisch „Gut Johr“ (haGalil). Eine Grußformel, die „Rosch“ enthält, kennen weder Hebräisch noch Jiddisch, betont Stefanowitsch.
  • Termin und Wortschatz passen nicht: Rosch ha-Schana liegt im Herbst. Für das christliche Neujahr nennen jiddische Wörterbücher des 18. Jahrhunderts eine eigene Formel, „schone chadosche“, neues Jahr (Röll, nach Wikipedia).
  • Das Wort war kaum verbreitet: Rosch Haschana sei bei Nichtjuden nur passiv bekannt gewesen, schreibt Hans Peter Althaus (2004, nach Gutknecht).

Das Fazit fällt vorsichtig, aber deutlich aus: Wer die Lautgeschichte geprüft hat, hält die direkte Herleitung aus „rosch“ für unwahrscheinlich; Duden und Pfeifer lassen allenfalls einen Einfluss offen. Belegt ist dagegen „Rutsch“ als Reise – Jahrzehnte, bevor der Neujahrsgruß auftaucht. Stefanowitsch würde nach eigener Aussage sein Geld auf die Reise-These setzen.

Die Herkunftsthesen im Vergleich

„Guten Rutsch“: Herkunftsthesen, Argumente und Einschätzung
TheseArgument dafürArgument dagegenEinschätzung der SprachwissenschaftQuelle
„Rutsch“ = Reise, Fahrt („gute Reise ins neue Jahr“)Bedeutung im 19. Jahrhundert gut belegt: Goethe, Frischbier (1865), Grimm (1893)Wie aus dem Reisewunsch ein Neujahrsgruß wurde, ist nicht direkt belegtVon Duden („wohl“) und Pfeifer („durchaus möglich“) zuerst genannt; Stefanowitsch hält sie für besser begründetDuden, Pfeifer, Grimm
Hebräisch „rosch“ (Kopf, Anfang) aus Rosch ha-Schana, über Jiddisch und RotwelschKlangähnlichkeit; viele Wörter jiddischer Herkunft im Deutschen; in mehreren Nachschlagewerken übernommenWestjiddisch „rausch“, kein Gruß mit „Rosch“, Fest im Herbst, Wort bei Nichtjuden kaum bekanntVon den Jiddisten Röll und Neuberg abgelehnt, von Gutknecht und Stefanowitsch bezweifelt; Duden und Pfeifer: allenfalls Einfluss möglichGutknecht, Wikipedia
Verbreitung über Bildpostkarten um 1900 (Ergänzung zur Reise-These)Postkartenboom ab etwa 1890; Neujahrskarten mit Skifahrern als Bild des HinübergleitensDatierte frühe Karten mit dem Wortlaut sind noch nicht vorgelegtPlausibler Verbreitungsweg, vorgeschlagen von Röll und Neuberg (2002)Gutknecht, Wikipedia
Wörtlich: „nicht ausrutschen“, ein Gruß wegen GlatteisHeutige Hauptbedeutung von „rutschen“Niemand wünscht einen Sturz auf GlatteisMissverständnis; die GfdS verneint einen Bezug zum Wetter, der Soziolinguist Adrian Leemann die Ausrutsch-DeutungGfdS, Zofinger Tagblatt

Seit wann man „Guten Rutsch“ wünscht

Als Neujahrsgruß ist die Wendung jünger, als viele denken. Pfeifers Etymologisches Wörterbuch datiert sie auf „um 1900“, und auch Christoph Gutknecht hält diese Zeit für wahrscheinlich. Die GfdS setzt den Gebrauch zum Jahreswechsel dagegen schon im frühen 19. Jahrhundert an, ohne einen konkreten Beleg zu nennen. Für die spätere Datierung spricht, dass das Grimmsche Wörterbuch noch 1893 nur den Reisewunsch kennt; auch Daniel Sanders’ Wörterbuch der deutschen Sprache von 1876 verzeichnet keinen Neujahrsgruß (nach Wikipedia). Wie der Sprung von der Reise zum Jahreswechsel genau verlief, lässt sich mit den bekannten Quellen nicht nachzeichnen.

Schon der österreichische Schriftsteller Hans Weigel bemerkte 1974 in seinem Buch „Die Leiden der jungen Wörter“, dass weder Schiller noch Goethe noch Rilke in ihren Briefen jemandem einen guten Rutsch gewünscht hätten (nach Gutknecht). Walter Röll und Simon Neuberg vermuten, dass die Bildpostkarte, die sich ab etwa 1890 verbreitete, den Gruß populär machte (Wikipedia). Gutknecht verweist auf Neujahrskarten aus dem Kaiserreich, auf denen das Rutschen auf Skiern für das Hinübergleiten ins neue Jahr steht. Warum der letzte Tag des Jahres überhaupt Silvester heißt, erklärt die Geschichte von Silvester.

Regionale Varianten

In der Deutschschweiz hört man gegen Jahresende überall «En guete Rutsch!», schreibt der Berner Soziolinguist Adrian Leemann in seiner Kolumne (Zofinger Tagblatt). Am Niederrhein wünschte man sich „Joe Rötsch op deä alde Blötsch!“ – einen guten Rutsch auf dem alten Holzschuh, mit dem man auf dem Eis besonders gut schlittern konnte (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland).

Wann man „Guten Rutsch“ sagt

Weil der Gruß den Übergang meint, passt er in die Tage vor dem Jahreswechsel; das DWDS nennt ihn ausdrücklich einen Glückwunsch vor Silvester. Nach Mitternacht ist der Rutsch geschafft, dann folgen die Wünsche fürs neue Jahr. Ab wann der Gruß üblich ist und was man darauf antwortet, lesen Sie im Abschnitt Wann und wie sagt man „Guten Rutsch“? auf der Startseite. Wer schriftlich grüßen möchte, findet Formulierungen bei den Neujahrssprüchen oder gestaltet eine eigene Karte mit dem Grußkarten-Generator.

Und auf Englisch?

Das Bild vom Rutschen lässt sich nicht übersetzen. Wörterbücher wie PONS geben „guten Rutsch!“ schlicht mit „happy New Year!“ wieder. Wie man den Jahreswechsel in über 30 Sprachen wünscht und wo es echte Entsprechungen gibt, zeigt die Seite Guten Rutsch in anderen Sprachen.

Quellen

Häufige Fragen

Kommt „Guten Rutsch“ aus dem Jiddischen?

Wahrscheinlich nicht direkt. Die Herleitung aus hebräisch „rosch“ (Anfang) über Rosch ha-Schana ist zwar verbreitet, doch das Westjiddische sagte „rausch“, das Fest liegt im Herbst und einen Gruß mit „Rosch“ gibt es nicht. Duden und DWDS halten einen Einfluss allenfalls für möglich.

Was bedeutet das Wort „Rutsch“ in „Guten Rutsch“?

Neben „gleitende Abwärtsbewegung“ bedeutete „Rutsch“ umgangssprachlich auch „kleiner Ausflug, kurze Fahrt“. Das Grimmsche Wörterbuch nennt 1893 „glücklichen rutsch“ als Reisewunsch – „Guten Rutsch“ heißt also ursprünglich „gute Fahrt“ ins neue Jahr.

Seit wann sagt man „Guten Rutsch“?

Als Neujahrsgruß ist die Wendung erst um 1900 greifbar, so das Etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer. „Rutsch“ im Sinn von Reise ist dagegen schon im 19. Jahrhundert belegt.

Wünscht man mit „Guten Rutsch“, dass jemand ausrutscht?

Nein. Gemeint ist ein guter Übergang ins neue Jahr, ursprünglich eine gute Fahrt. Der Berner Soziolinguist Adrian Leemann verneint die Ausrutsch-Deutung ausdrücklich.

Wie wünscht man in der Schweiz einen guten Rutsch?

In der Deutschschweiz sagt man «En guete Rutsch!». Nach dem Jahreswechsel wünscht man sich dort «es guets Neus».

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